Die Geschichte von dem Hotel, das nie fertig wurde
Exklusiv für den GASTRONOMIE-REPORT kommentiert der bekannte Münchner Publizist Dr. Tony Schwaegerl Entwicklungen und Probleme des Gastgewerbes.
Es war einmal, so beginnen alle Märchen. Es war einmal, so beginnt eine kleine Geschichte aus dem Reich der Gastronomie und Hotellerie, die leider so gar nichts Märchenhaftes an sich hat. Die Geschichte ist nämlich wahr, Wort für Wort und Fakt für Fakt.
Es war einmal ein neues Hotel in einer kleinen bayerischen Stadt. Der agile Verkehrsdirektor hatte es mir empfohlen mit den Worten, daß es zwar ein altes Haus sei, aber nun doch ganz neu, weil total renoviert. Und neue Pächter seien auch da, Profis vom Allerfeinsten, und ich könnte nichts Besseres erleben und... Na ja, ich buchte mich dort ein.
Die Lage des Hauses war schön. Ich bekam das Paradezimmer mit der überzeugenden Nummer Eins und ganz besonders groß. Daß es an zwei Seiten riesige Fenster hatte und dunkle Vorhänge fehlten, merkte ich dann immerhin am nächsten Tag kurz vor Fünf, als mich Sonnenstrahlen wachkitzelten.
Dann suchte ich ein Telefon und fand keines. Es war zwar ein Loch in der Wand und es hingen ein paar Kabel heraus - nur das Telefon war nicht angeschlossen. "Das kommt in Kürze", sagte mir beim Frühstück der Gastwirt und tröstete mich mit dem Hinweis: "Der Verkehrsdirektor sagte, Sie würden alle Jahre einmal in unserer Stadthalle gastieren. Im nächsten Jahr gibt es dann Telefon."
Als ich kurz nach neun meine Reisetasche aus dem Zimmer holen wollte, stolperte ich über zwei große Wäschekörbe, die vor meiner Zimmertür standen. Kein Problem, so sagte ich mir, im nächsten Jahr sind die bestimmt weg.
Und das nächste Jahr kam und damit wieder ein Vortragstermin für mich in eben dieser kleinen bayerischen Stadt. Diesmal hatte man mir Zimmer Nummer Zwei reserviert, das Loch in der Wand kam mir bekannt vor (das Telefon fehlte also immer noch). Im Bad waren ein paar Fliesen herausgefallen. Die Dusche war zum tropfenden Rinnsal degeneriert. Macht nichts, sagte ich mir, dafür werde ich heute abend gut essen. Denn immerhin stand auf der Schiefertafel an der Rezeption ein recht erfreuliches Angebot.
Der Abend bescherte mir Überraschungen ganz anderer Art: Ich entdeckte zunächst, daß es kein Zimmer Nummer Eins mehr gab. Da die Türe einen Spalt offen stand, entdeckte ich Stapel von Mobiliar, Wäsche und Hausutensilien. Zurück im Restaurant meinte die Chefin des Hauses: "Der offene Wein, den Sie ausgesucht haben, den gibt es nicht mehr. Und eine neue Flasche aufzumachen, das lohnt nicht."
Am nächsten Morgen stolperte ich nicht mehr über Wäschekörbe, sondern über Kleinmobiliar in beliebiger Variation und beim Frühstück entdeckte ich - rein zufällig schaute ich mal drauf - daß die Butter schon vier Wochen über dem Verfallsdatum war. Mißtrauisch geworden kontrollierte ich auch die Marmelade, die vor 10 Wochen entsorgt gehört hätte. Die Auswahl am sogenannten Buffet, im Vorjahr noch recht ansehnlich, war auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Selbst mein Wunsch, mir statt Kaffee eine Tasse Kakao zu bringen, brachte Probleme: "Wir haben momentan keine Milch im Haus."
Beim Bezahlen (Sie ahnen natürlich längst, was nun noch so kommt) sagte der Gastwirt: "Keine Kreditkarten, keine EC-Karten, keine Schecks, wir nehmen ab sofort nur noch Bares." Und damit war nun auch mir endgültig klar geworden, daß das Gastronomen-Ehepaar sein Gastspiel beenden wollte. Nach dem Stand der Dinge (Stichwort: Frühstück) vermutete ich, noch heute oder spätestens morgen.
Doch die Wahrheit sah anders aus. "Sie haben recht, wir wollen uns was Neues suchen. Wir werden demnächst hier aufhören", so der Wirt. Er sagte "demnächst" und nicht etwa "morgen oder Ende der Woche". Und er sagte auch gleich, warum:
"Ein paar Wochen oder Monate bleiben wir schon noch, denn in der Stadt gibt es einige große Tagungen, da erwarten wir uns Ausbuchung und auch im Restaurant viel Betrieb. Aber nachdem doch klar ist, daß wir eines Tages hier weggehen, lohnt es sich nicht mehr, etwas reparieren zu lassen oder viel einzukaufen."
Natürlich rentiert es sich auch nicht, die Zimmer des vor eineinhalb Jahren laut Verkehrsdirektor total renovierten Hotels wieder zu renovieren, damit zum Beispiel die Telefon-Anschluß-Löcher in der Wand verschwinden und ein Telefon angeschlossen wird. Wozu auch sollte man noch Butter kaufen oder Marmelade, wo doch noch genügend aus früheren Zeiten vorhanden ist? Außerdem lohnt der Milcheinkauf ohnehin nicht mehr, wenn man schon in einigen Monaten das Hotel schließen will. Wer kommt da auch schon und verlangt einen Kakao?
Dr. Tony Schwaegerl
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