Speis' und Trank im ICE


Exklusiv für den GASTRONOMIE-REPORT kommentiert der bekannte Münchner Publizist Dr. Tony Schwaegerl Entwicklungen und Probleme des Gastgewerbes.

Fahrt zwischen Nürnberg und Leipzig. Ganz langsam fängt der Magen an zu knurren. Frühstück um 7 Uhr, jetzt ist es halb drei. Zeit, sich was an den Platz kommen zu lassen. Die 1. Klasse Wagen werden von der Bahn in den leuchtendsten Farben gemalt. So etwa muss der Himmel auf Erden sein, wenn man viel auf Reisen ist und wie ich mit einer Bahncard 100 First durchs Land fährt. Oder, aktuelle Variante, auch mal etliche Zeit inmitten einsamer Landstriche steht. Alles wird einem geboten.

Und nun also der Slogan, dass es doch eine herrliche Sache sei, am Platz Speis’ und Trank zu genießen. Nur beim zweiten Hinsehen wird dann von Getränken gesprochen und von kleinen Speisen. Aber das Problem ist ein anderes. Zum Beispiel jetzt auf dem Weg nach Leipzig und dann am frühen Abend nach einem Termin weiter nach Stralsund.

Kaum habe ich in München Platz genommen und der Zug macht seine ersten Fahrbewegungen, da steht schon eine freundliche Dame im Bahn-Dress vor mir und fragt, was ich denn so lesen möchte... Bild, FAZ, Süddeutsche, Welt? Alles natürlich gratis.

Zehn Minuten später steht die noch immer sehr freundliche Dame wieder vor mir und fragt: "Was darf ich Ihnen aus dem Speisewagen bringen?" Auf den Gedanken bin ich nun wahrlich nicht gekommen, jetzt bereits etwas zu essen, sozusagen am frühen Vormittag. "Danke für Ihr Angebot", sage ich. "Ich darf mich etwas später melden."

Tja, und nun war also meines Erachtens der Zeitpunkt gekommen für etwas Essbares. Gerne auch eine von den avisierten kleinen Speisen. Aber wo bitte ist die Dame, die doch einem Fahrgast eine Reihe vor mir erzählte, dass sie uns noch einige Zeit begleite auf der Fahrt gen Norden?

Winken oder gar mit den Finger schnippen, wie es in volkstümlichen Lokalen üblich ist, bringt nichts, wenn man allein auf weiter Flur in einem Sechs-Personen-Abteil sitzt. Also warte ich weiter. Bamberg passieren wir, Lichtenfels und die ersten Orte der früheren DDR. Aber vom Servicepersonal der Bahn ist niemand zu sehen. Also entschließe ich mich, in den Speisewagen zu gehen. Entfernungsmäßig kein Problem, denn in den ICE-Zügen ist ja dieser Speisewagen die Trennung zwischen erster Klasse mit wenigen und zweiter Klasse mit vielen Wagen.

Der Speisewagen ist gut besucht und nur ein Tisch ist noch frei. Doch es wirkt so, als habe man da so eben gewütet und nicht gegessen. Im Detail: Drei schmutzige Servietten lagen zusammengeknüllt und eine offen auf dem Tisch, schmutziges Geschirr stand herum, auf der Tischplatte waren Flecken von Getränken und Speisen zu sehen, zwei Gläser mit Getränkeresten vervollständigten die Idylle.

Ich setzte mich recht vorsichtig auf die mit Papierfetzen dekorierte Sitzgelegenheit und lächelte den Kellner an, der ein Gericht am Nebentisch platzierte. Drauf keine Reaktion.

Zehn Minuten saß ich so da und wartete und konnte inzwischen feststellen, dass ein Gericht am Nebentisch serviert wurde, das gut aussah... Aber richtig, ich habe erst vor einiger Zeit berichtet, dass die Idee, prominente Köche Menüs und Gerichte kreieren und auch "probekochen" zu lassen, Abwechslung bringt in die Speisenfolge.

Also, die Küche dürfte okay sein, aber wer war wohl für meinen Tisch zuständig? Ein paar Minuten später tauchte der erwähnte Kellner mit einem feuchten Tuch auf und trug die Reste weg. Und das war es dann auch. Ich wartete wieder und der Zug passierte inzwischen Saalfelden. So extrem lange dauerte die Fahrt bis zu meiner ersten Etappe in Leipzig nun auch nicht mehr, ich überlegte schon, wo ich in den mehrgeschossigen Einkaufspassagen im Hauptbahnhof wohl einkehren könnte... Da wurde ich in meinen Gedanken jäh gestört. Der Kellner schob mir eine Speisekarte über den Tisch zu mit den Worten: "So, was wollen Sie nun trinken?"

Schweren Herzens lächelte ich zurück und schlug vor, mir doch erst einmal das ausgewählte Gericht zu bringen und dazu dann ein Getränk. Das war ein Fehler. Denn der Kellner verschwand wieder und servierte ein Gericht nach dem anderen - an den Tischen hinter und vor mir. Mit einem Getränk hätte ich vielleicht den Frust etwas besser verarbeiten können. Aber egal, jetzt also war ich dran und das Essen war - Sie ahnen es bereits - erstaunlich gut.

Es muss an meinem leeren Magen gelegen haben, denn ich war schnell fertig, mein Teller war leer. Und stand nun bis zum nächsten Zughalt vor mir. Okay, ich hätte noch gerne etwas gegessen, zum Beispiel ein Stück Kuchen und dazu einen Kakao getrunken. Aber da schon die ersten Häuser von Leipzig auftauchten, bestellte ich meine Rechnung.

Und siehe da, es dauerte keine zwei Minuten und der Kellner war mit eben dieser Rechnung zurück. Ob der Tisch, an dem ich saß, bis zum nächsten Halt nach Leipzig, in Berlin Südkreuz, vom schmutzigen Geschirr befreit wurde, weiß ich leider nicht.

Aber wenn man schon so intensiv wirbt für Speis' und Trank im Erster-Klasse-Wagen, dann sollte man sich eine Möglichkeit einfallen lassen, dass der Fahrgast, sagen wir wenigstens einmal pro Stunde, gefragt wird, ob man etwas bringen könne... Doch diese Lücke im Service ist vermutlich genau so schwer zu beheben wie die Ansage, dass man mit einer kleinen Überraschung die Fahrgäste verwöhnen werde.

Im monatlichen Wechsel gibt es dann irgendwann auf der siebenhundert Kilometer langen Fahrt ein kleines Tütchen mit einer Hand voll Nüssen oder Mini Kekse oder zwei kleine Pralinen. Gut gemeint, der Fahrgast ist zufrieden. Aber liegt es daran, dass ich immer die verkehrten Züge wähle? In einem Monat mit immerhin 12 größeren Fernreisen bekam ich gerade dreimal die avisierte "kleine Überraschung".

 

 

Dr. Tony Schwaegerl

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