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Tommy Gun’s Garage, Chicago South Side 2018-01-18T10:23:47+00:00

Project Description

Tommy Gun’s Garage, Chicago South Side

Die schaurig-schöne Welt von „Tommy Gun’s Garage“ – ist ein heißer Treff in der schäbigen Chicagoer South Side. Wer blutrünstige Romane liebt, kommt dabei garantiert auf seine Kosten. Und keine Angst. Das Happy End ist in diesem Lokal im Preis inbegriffen.

Die Nächte in Chicago sind schwarz, verdammt schwarz. Die Taxifahrer auch. So schwarz, daß sie sich nicht vom Nachthimmel unterscheiden. Ich, mit einer Reisegruppe unterwegs, tue brav, was mir geheißen: Adresszettel zeigen und auf dem genannten Ziel bestehen. Denn der Taxifahrer (Aussehen siehe oben) würde sich weigern, hieß es.
Er weigert sich. „1239 S. State???“ fragt er ungläubig. Ich nicke. Der Taxifahrer fragt mich mit seinen Augen, was ich Trottel-Touri in dieser verrufenen Gegend denn nur will und macht mir ein verbales Gegenangebot: „Ey, fuck that shit, man, and lets get stoned. l’ll call some chicks!“ Ich gebe mich brav und beharre weisungsgemäß auf meinem Ziel. Er schüttelt den Kopf und fährt mich hin.
In die South Side, jenem miesen Viertel im Süden Chicagos, in dem sich damals in den Zwanzigern und Dreißigern die Bandenkriege abgespielt haben, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. So ganz geheuer ist es immer noch nicht: kaum Straßenbeleuchtung, Löcher im Asphalt als Stoßdämpferteststrecke, kaum Leute auf der Straße. Es istnicht mehr dunkel, sondern finster. Ab und an eine schummrige Kneipenreklame. Vor einer davon hält mein schwarzer Fahrerkumpel. Ich zahle, und er haut ab.
Die Kneipe sieht recht freundlich aus: breiter Tresen, warmes Licht, im Hintergrund Honkytonk-Musik, baseballmützenbehelmtes Publikum. Durchschnitt. Warum hier keiner hin will, kapier ich nicht. Zweifel kommen auf, und ich frage den Barkeeper, ob ich hier richtig bin: „Tommy Gun’s Garage?“ Sein Lächeln verschwindet, er brabbelt was, was ich mit Müh‘ und Not mit „Außenrum, Hintereingang“ übersetzen kann und deutet mit dem Daumen über die Schulter. Ich gehe gezeigten Weg und weiß nicht, ob ich das Glitzern in den schwarzen Barkeeperaugen als Schadenfreude oder Mitleid oder Lichtreflex deuten soll.
Der Boden draußen ist vom Regen aufgeweicht. Ein paar Holzbohlen, die an der Ziegelmauer vorbeiführen, spielen ihre Rolle als Trottoir mehr schlecht als recht. Angestrahlt von einem starken Scheinwerfer, der den angrenzenden Parkplatz beleuchten soll, balanciere ich auf den Latten entlang. Eine gespenstische Szenerie, fast wie im richtigen Kino. Die Bohlen enden an einer Holztreppe, die nach links abwärts führt. Eine schummrige Lampe deutet an, daß der Weg hierweitergeht. Ich gehe hinunter. Die Treppe endet an einer Eisentür der Marke „nicht sehr einladend“. Ich klopfe mangels Klingel trotzdem. Fehler erkennt man immer erst hinterher.
Ein Sehschlitz wird aufgerissen. Die Augen, die mich anstarren, sind blaugrau und eiskalt. Der Speichelfluß in meinem Mund nimmt unangenehme Ausmaße an. Ich schlucke, gerade noch rechtzeitig. Die Tür fliegt auf ein Mann steht am Eingang. Schwacher Lichtschimmer von hinten. Ein Riese, gut Zweimeterzehn. Graue Augen, grauer Anzug, grauer Hut. Die Maschinenpistole in seiner rechten Hand schimmert matt und (natürlich, aber warum?) grau.

Türsteher mit MP bewaffnet
Ich fliege in den Vorraum und komme an einer Mauer zu stehen. Gesicht zur Wand, Hände über den Kopf gespreizt, Beine auseinander. Klassische Stellung. Zwei Typen suchen mich nach Waffen ab. Langen hin. Auch da, wo’s Männern weh tut. Meine Kamera, mein alter ego, schlägt gegen die Wand. Jetzt reicht’s! Ich will aufbrausen. Das harte Klacken, wenn die MP durchgeladen wird, an meinem rechten Ohr und der kalte Stahl der Mündung in meinem Genick belehren mich eines Besseren.
„He’s sober!“ brüllt der Gorilla nach hinten und meint damit wohl weniger den Zustand meiner Nüchternheit, sondern daß ich unbewaffnet bin. „Wuddaya wanna?“ zischt er in mein Ohr. Bevor ich das als „Was willst Du?“ übersetzen kann, zischt es weiter: „An oil change?“ Der Mündungsstahl in meinem Genick ist unangenehm und kalt; also beschließe ich kurzfristig, statt zu essen, einen Ölwechsel machen zu lassen (wie eigentlich?) und presse ein „Yup!“ zwischen den Zähnen hervor. Vier Hände packen mich, und ich fliege eine Station weiter.
Die ist gar nicht mal soo unangenehm, denn sie ist eine Frau – weich und grün. Jedenfalls ihr Kleid. Grün und paillettiert, mit einem Dekollete, das mehr zeigt als es verbirgt. Die Haare blond und hochgesteckt, das Gesicht schön geschnitten und vorsichtig geschminkt. Leicht, aber nicht auffallend nuttig. „Hi, Sweetheart“ haucht sie. Warum nur riechen alle amerikanischen Frauen nach dieser seltsamen Mischung aus Pfefferminz und Himbeer?

Grüner Engel mit Pfefferminzgeruch
Sie bringt mich – nein, falsch: Sie geleitet mich – an meinen Platz. Erst jetzt, der wundersam entronnen, kann ich mich umsehen und erkennen, wo ich bin: Ein Keller-Lokal, knapp zweihundert Plätze groß. Biergartengarniturähnliches Interieur. Schön gedeckt, alles im Zwanziger-Jahre-Stil. Ziegelmauern. An einer Wand ein Werkzeugbrett mit Stichsäge, Schraubenschlüssel, Ölkännchen. Und Einschußlöcher. Wir kennen’s alle: St.Valen-Aines-Day-Massacre. Damals, Anfang der besagten Zwanziger, löschte in so einer Garage eine Mafia-Familie ’ne andere aus. Bekannt, berühmt, berüchtigt. Spätestens seit Billy Wilders Mega-Komödie „Some like it hot“, in deren EingangsszeneTony Curtis und Jack Lemon angesichts dieser Metzelei die Hosen dermaßen voll hatten, daß sie sie gegen Frauenkleider austauschten. In denen buhlten sie dann später um die Gunst von Marilyn Monroe.

„Bugsy Siegel“ als Hauptgericht
Und ich also mittendrin. Mein grünes weibliches Auffangkissen von vorhin hat sich mittlerweile als Sally zu erkennen gegeben und geklont. Jetzt ist sie auch in gelber, roter, violetter und blauer Aufmachung zu bewundern, was nötig ist, denn in atemberaubender Geschwindigkeit fliegen weitere Gäste herein. Alle haben die gleiche Prozedur wie ich hinter sich, sind an die gleiche Wand geflogen, haben die gleiche MP im Nacken gehabt und werden im gleichen Duftkissen aus Pfefferminz und Himbeer aufgefangen.
Sally serviert mittlerweile Bier, Miller’s Genuine Draft, dünn und deshalb eine ganze Karaffe voll. Ich wähle aus der Karte unter der Rubrik „Steaks“ ein Zwölf-Unzen-Trumm namens „Bugsy Siegel“ (Mafioso und Las-Vegas-Gründer) für 32.95 („Da Show included!“). Und wenn die Chicagoer „Steak“ auf die Karte schreiben, dann meinen die auch „Steak“. Nicht die bei uns üblichen putzigkleinen Ochsenschnitzelchen, sondern so richtig Steak, je zehn Zentimeter rechts und links über den Tellerrand raushängend.
Während ich mein Steak bearbeite, steht plötzlich eine zweite Karaffe Bier auf dem Tisch. „Das muß für die nächste Stunde reichen“, beantwortet Sally meinen fragenden Blick. Als die Lichter ausgehen, versteh ich, warum Sally keine Bestellungen mehr aufnehmen kann: Sie steht auf der Bühne, schwingt ihr von einem grünen Nichts verhülltes Tanzbein und agiert mit sämtlichen Kneipenkollegen in einem Theaterstück, das in den Zwanzigern spielt: In der Zeit der Prohibition versucht ein Kneipenwirt („Tony“) sich mit illegalem Alkoholausschank und der Hilfe eines korrupten und versoffenen Cops über Wasser zu halten. Alle, die ich in dieser Kneipe arbeiten sah, stehen auf der Bühne-nur der Gorilla geht mir ab.

Wo steckt bloß der Gorilla
Als wir am Tisch das bekannte Durchlade-Klacken von rechts hinten vernehmen, beschließen wir – wortlos, aber unisono – unsere Reflexe zu aktivieren und vergraben unsere Köpfe zwischen Salaten, Bierkaraffen und Steaks. Die Schüsse peitschen über uns hinweg auf die Bühne., die der Gorilla betritt und in finsterstem Chicago-Amerikanisch seine zwanzig Prozent Schutzgeld fordert. Wanderer, kommst Du nach Chicago und besuchst dieses Etablisssement, sag‘ nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt: Schau Dir vorher zwanzigmal die „Blues Brothers“ im Original an, dann verstehst Du vielleicht ein Zehntel dessen, was auf der Bühne gesprochen wird. Ansonsten kommst Du Dir vor wie der Japaner-Touri in Peter Steiners Theaterstadl.
Nach einer Dreiviertelstunde High-Power-Show geht es auf der Bühne drunter und drüber. Prohibitionsbulle Dean ist stinkbesoffen, die Mädels gestehen Gangsterboß Tony ihre Liebe, und der MP-bewährte Gorilla (mittlerweile weiß man, daß es „Vinnie, der Mechaniker“ ist) beendet das Drama mit dem durchschlagenden Beweis,daß seine M P“Tommy Gun“ wirklich 172 Schuß pro Minute loswerden kann und metzelt alles nieder. Mangels Vorhang geht das Licht aus und tosender Applaus setzt ein. Als nach ein paar Sekunden das Licht wieder angeht, steht Sally neben mir und fragt, ob ich jetzt mein Dessert (die unvermeidliche Icecream) haben möchte. Nur ein paar kleine Schweißtropfen auf ihrer Stirn deuten an, daß sie sich in der letzten Stunde die Seele aus dem Leib gespielt hat.
Die Icecream kann mir gestohlen bleiben. Statt dessen will ich (nach diesem Crashkurs in Chicago-Slang hab‘ ich kapiert, daß „The“ hier italienisch gefärbt „da“ ausgesprochen wird) also stilgerecht „da Boss“ sprechen. – „Vito Catana“, so stellt er sich kurz darauf vor. Er klaut mir ein Glas Bier und grinst. Jungenhaft. 32 Jahre ist er alt, Sohn italienischer Einwanderer (war ja irgendwie klar) und Schauspieler. Eigentlich. Als seine Eltern ihm vor ein paar Jahren20.000 Dollar hinterließen, stand er vor der Wahl, die Kohle mit seinen Kumpels vom Actor’s Institute (die wie er als Schauspieler kein Bein auf den Boden gebracht hatten) zu versaufen oder was damit anzufangen.
Der Kick kam aus Hollywood. „Die begannen dort plötzlich wieder sich für Chicago zu interessieren“, erzählt Vito. Paradeschotte Sean Connery bekam seinen ersten Oscar für die Darstellung eines sterbenden Chicagoer Streifenpolizisten in „The Untouchables“, der spätere Megastar Kevin Kostner im gleichen Streifen seine erste ernstzunehmende Hauptrolle. Vito Catana und Konsorten saßen im Kino unter der Hochbahn und pfiffen sich ohne Ende die alten Schinken mit Humphrey Bogart, Edward G. Robinson und James Cagney rein. Grundthema: Der Gangsterkrieg in ihrer Heimatstadt Chicago.
In Vitos Kopf machte es Klick: Jedes Jahr rennen Schwärme von Touristen durch die Stadt, gucken sich die Picasso-Statue vor der Daley-Plaza oder die von Marc Chagall bemalte Betonmauer am Kindergarten in der City an oder ärgern sich darüber, daß Daniel Barenboim und die Symphoniker seit Monaten ausverkauft sind und gehen statt desssen in eine Blues-Kneipe. Die Radikalität, mit der Chicago sein Image in den letzten fünfzig Jahren änderte, hatte die Vergangenheit des täglichen Blutvergießens fast völlig verdrängt. Und doch ist sie da, schaurig und wahr, von uns heute getrennt durch mehr als ein halbes Jahrhundert, aber durch unzählige Hollywood-Filme glorifiziert und in alle Welt hinausgetragen. Nur in Chicago kümmerte sich kein Schwein darum.
Die Idee der eingefleischten Kinofanatikerwar naheliegend: „Warum nicht eine Gastronomie mit Gangster-Einlage?“ Konzepte wurden gefunden und wieder verworfen, Gangster-Stücke geschrieben, geprobt und gecancelt, Objekte gesucht und gefunden, besichtigt und abgelehnt, denn den meisten fehlte der Platz für die Bühne. Ein Jahr lang (Vito: „Und das Jahr war lang!“) suchte dieTruppe vergeblich und wollte schon beinahe alles hinwerfen, als man sie auf einen „zugegebenerweise wirklich miesen Schuppen in der South Side“ aufmerksam machte. Eine katastrophale Gegend, wie ein Teil einer Filminszenierung: Im Sommer liegen die arbeitslosen Männer (und sie stellen in der South Side die absolute Mehrheit) betrunken oder unter Drogen im Rinnstein. Im Winter wärmen sie sich an brennenden Öl- und Abfalltonnen. Hier ist die Zeit stehengeblieben.

Goldgrube im Drecksviertel
In diesem Drecksviertel fanden Vito &Co also ihre Goldgrube. Sie schmissen ihr Geld zusammen und kauften die alte Baracke direkt unter der EL, der Hochbahn, die alle Viertelstunde so nah und laut vorbeirumpelt, daß man glaubt, sie brettert gleich durch die Wand. Authentizitätsmaximum und Nagelprobe für die junge Crew in einem: Vito machte sich ans Stückeschreiben, Ricardo (der Kommilitone aus der Regie-Klasse, der im elterlichen Gastro-Betrieb in die Küche reinschnupperte) wetzte die Messer. Mittlerweile hat er, je nach Bedarf, bis zu fünf Köche unter sich. Vinnie (der Gorilla, der neben Schauspiel auch noch BWL studierte) kümmerte sich um die PR und die Finanzen. Als er das erzählt, streichelt er versonnen seine MP.Als erster ließ er sich von der Telefongesellschaft die passende Nummer für’s Restaurant „Tommy Gun’s Garage“ geben. (Randbemerkung: In den USA kann man statt Zahlen auch Buchstaben wählen; in Ziffern hieße es schlicht „728-2-828“, aber, wo wäre dann der Witz?) Die passende Nummer war, standesgemäß „Rat-A-Tat“.
Renoviert wurde nur dort, wo’s nötig war: In der Küche, beim Bühnenaufbau, bei Licht und Ton. Bloß nicht mehr, um die Authentizität nicht zu gefährden. Mit umwerfendem Ergebnis. Ich frage Vinnie, wie er das bloß gemacht hat: Der Oldtimer im Vorraum („Stand in’ner Garage und keiner wollt‘ ihn haben.“), die haargenaue Rekonstruktion dieser Massaker-Garage („Der Originalschauplatz war doch bloß’n paar Blocks weg von hier und Fotos davon gibt’s doch genug; die Mechaniker-Requisiten sind aus’m Baumarkt.“). Bei der Frage nach den Einschußlöchern in der Wand windet sich der gewiefte Vinnie: „Oooch die, die sind vom Vorbesitzer… Der hieß Chicago City Police, und das hier war mal deren Schießstand. Tja, manchmal haben die Jungs halt echt danebengeholzt…“
Bleibt noch eine Frage: Warum hatte der Taxifahrer, wenn er ein in Chicago mittlerweile recht bekanntes Gastro-Unternehmen anfahren mußte, dermaßen viel Schiß und steckte mich damit an? Das gehört mit zur lnszenierung: Die Jungs von den Taxi-Unternehmen arbeiten mit uns zusammen“, sagt Vinnie tonlos.“Die kriegen ihren Carry-Fünfer, kurz nachdem du hier reingekommen bist, vorne in der Honkytonk-Bar.“-„Die gehört uns nämlich mittlerweile auch“, ergänzt Vito grinsend.

Dieses Gastro Konzept ist erschienen im Gastronomie-Report 8/1995

Foto: © Crok Photography – Fotolia.com